Im Bikini am Hauptbahnhof

NRZ, 19.6.2008

Internet. Fast alle Jugendlichen sind drin, nicht alle kennen die Risiken: Die Unesco-Schule klärte auf über ”SchülerVZ” und Co.

Katharina will jetzt erstmal an ihren Computer. Die Gymnasiastin wird bei ”SchülerVZ” ihre Bilder sperren, so dass nur noch ihre Freunde Zugriff auf die Fotos haben. ”Ich hätte nicht gedacht, dass das so heftig ist”, sagt die 19-Jährige.

Markus Gerstmann, Jugendchützer aus Bremen, Spezialgebiet Internet, hat ihr die Augen geöffnet - und anderen Schülern auch. Die UNesco-Schule hatte - vermutlich als erste Schule in Essen - die Gefahren von Verzeichnissen wie ”netlog”, ”flickr”, ”youtube” und ”SchülerVZ” zum Thema gemacht. ”Wir können Schüler sowenig vom Internet fernhalten wie vom Straßenverkehr, sagt Kerstin Guse-Becker, Lehrerin an der Unesco-Schule. ”Aber wir wollen sie für die Gefahren sensibilisieren.”

Ohne Internetprofil gilt man als altmodisch

In der Oberstufe der Unesco-Schule sind fast alle bei ”SchülerVZ” registriert. Zwischen Januar und April 2008 stieg die Teilnehmerzahl um 800.000 auf 3,5 Millionen Schüler in Deutschland. Wer nicht drin ist, ist draußen, weiß Gerstmann. Im Freundeskreis sowieso - aber auch bei manchen Firmen. ”Wer sich bei Technikfirmen bewirbt und kein Internet-Profil hat, gilt als altmodisch”, weiß Gerstmann. Eigentlich sollen im ”SchülerVZ” die Schüler unter sich sein - rein kommt man nur auf Einladung. ”Aber ich bin auch drin”, sagt er - und viele Personalchefs auch.

Deswegen will er, dass die Jugendlichen darüber nachdenken, wie sie sich im Internet bewegen. ”Mittlerweile schauen sich 30 Prozent der personalchefs um, was über Bewerber im Internet zu finden ist”, so Gerstmann. Und mahnt: ”Was heute witzig ist, kann in zehn Jahren ziemlich peinlich sein.” Bilder ins Internet zu stellen, sei wie sich mit seinem Fotoalbum mit den Bikinibildern vor den Hauptbahnhof zu stellen. Auch auf der Homepage der Unesco-Schule gibt's Klassenfahrtbilder aus Lloret de Mar. Aber man kann hoffen, dass die jungen Männer nach vier Jahren nicht mehr an ihrer Badehose erkannt werden.

Katharina jedenfalls ist sich sicher, dass ihr die Bilder nicht peinlich sind, die sie ins Netz gestellt hat, genauso sieht's Agnieszka. Markus Gerstmann schaut sich die Bilder von der Blondine im ärmellosen Top an: ”Da schaut man gern hin, Du siehst ja auch klasse aus”, sagt er. Dem ehrlichen Kompliment können schnell falsche Freunde folgen. Aber er registriert, dass die Zwölftklässlerin ihren Nachnamen weggelassen hat und ein Profil angelegt hat, dass sie nicht identifizierbar macht. ”Sonst steht mal jemand vor der Schule, den du nicht treffen willst”, sagt er.

Das ist nicht immer so: Im Vorfeld hat er im Internet gesucht und Mädchen der Unesco-Schule gefunden, die sich ein Profil mit dem Vornamen eines Pornostars gegeben haben. ”Wenn man sich mal anschaut, was sie schreibt, wird klar: Eigentlich sucht sie einen Freund. Aber viele werden denken, sie sucht Sex”, warnt er. So aber lockt sie viele falsche Freunde an”, sagt Gerstmann.

Doch nicht immer hat man in der Hand, was über einen im Netz auftaucht - und dabei geht es nicht nur um Handy-Videos und Digital-Aufnahmen. Agnieszka hat letztens erlebt, dass sich jemand unter dem Namen einer Freundin anmeldete und sich ein falsches Profil zulegte. Trotz derlei Erfahrungen will sie vom Internet nicht lassen. 400 Freunde zählt sie auf ihrem Internet-Auftritt, auch wenn sie von vielen nur den Namen kennt. Immerhin: Einen jungen Mann aus Berlin hat sie übers Internet kennengelernt. Und der ist ihr das Risiko wert.

Stephan Hermsen


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