Tatsächlich scheint die schlechte Arbeitsmarktstimmung die Entscheidung der Abiturienten zu beeinflussen. ”Es herrscht eine generelle Verunsicherung”, sagt Birte Ruthmann, Lehrerin an Carolin Heiserholts Schule in Essen. Sie hat Carolin im Englisch-Leistungskurs unterrichtet und nimmt in ihrem Religionsunterricht auch ”Berufs- und Lebensplanung” durch. ”Manchmal schlage ich wirklich nur noch die Hände über dem Kopf zusammen, weil es so traurig ist”, sagt sie. Die Träume ihrer Schüler, sagt sie, würden sich auf einem viel zu niedrigen Niveau bewegen. ”Viele sind jetzt schon total ernüchtert, dabei geht es ihnen doch materiell gut.” Die Schüler, so Ruthmann, würden oft viel zu spät anfangen, sich für ihren künftigen Weg zu entscheiden. ”Es geht nicht, dass man sich erst nach dem Abitur überlegt, was nun werden soll. Das muss schon viel früher passieren.”
Die erste Frage bei der Studienberatung ist die nach den Jobchancen
Auch Wolfram Wickel, Leiter der zentralen Studienberatung der Universität Bonn, sitzt in seinen Beratungsgesprächen immer mehr Abiturienten gegenüber, die vor allem eine Frage haben: Welche Berufschancen können sie sich in den jeweiligen Studienfächern ausrechnen? Wie Anne-Kathrin aus Ostfriesland kalkulieren auch Carolin aus dem Ruhrgebiet und Simon aus Baden-Württemberg ziemlich genau, wie sie mit ihrem späteren Beruf einen Arbeitsplatz bekommen: Carolin zum Beispiel denkt darüber nach, Grundschullehrerin zu werden. Nun aber hat sie gehört, dass vor allem Real- und Hauptschullehrer gesucht werden – ein Grund für sie, umzuschwenken. Allerdings hat sie auch ein Praktikum bei einer Physiotherapeutin gemacht, das ihr gefallen hat. Vielleicht doch lieber eine Ausbildung?
Studienberater Wickel empfiehlt Schülern dringend, schon früh die Initiative zu ergreifen. Da sich in Zukunft immer mehr Hochschulen ihre Studenten in Auswahlverfahren selbst aussuchen, sei es für Abiturienten wichtig, sich so früh wie möglich zu orientieren. Schließlich kann schon die Wahl der Oberstufenkurse den späteren Weg entscheiden. Hat ein Schüler ein Fach erst einmal abgewählt, wird er die Hochschuljury nur schwer überzeugen können, dass er es auf einmal studieren möchte. ”Die Hochschulbewerber müssen sich ein eigenes Profil schaffen. Und dieses Profil erreichen sie leider nicht, wenn sie erst kurz nach dem Abi darüber nachdenken, was nun kommen könnte.“ [...]
„Studiengänge, die keinen Erfolg versprechen, würde ich auf keinen Fall wählen“, sagt Anne-Kathrin Fiege, die Abiturientin aus Ostfriesland. Ihre Uni-Stadt wird sie auch davon abhängig machen, ob die Hochschule in den Uni-Rankings der Zeitungen gut abgeschnitten hat. Die Rankings schaut sie sich deshalb genau an.
Carolin Heiserholt dagegen will im Ruhrgebiet und auch erst einmal zu Hause wohnen bleiben. „Ich will meinen Eltern nicht auf der Tasche liegen!“ Unterstützung bekommt sie vor allem von Birte Ruthmann, ihrer früheren Lehrerin. Früher war das Verhältnis zwischen den beiden manchmal nicht so harmonisch. Jetzt aber, nachdem das Abitur vorbei ist, duzen sie sich. Die Lehrerin lädt Carolin zu sich nach Hause ein, spricht mit ihr über ihre Zukunft und rät ihr, sich nicht gleich mit der erstbesten Lebensplanung zufrieden zu geben. Carolin orientiert sich außerdem durch Praktika, geht ins Arbeitsamt und fragt Berufsberater, doch letzten Endes will sie ihre Entscheidung ganz alleine treffen. Ihr größter Wunsch? ”Dass ich mein Studium oder meine Ausbildung zügig durchbekomme. Doch wenn ich nach ein paar Semestern merke, dass ich mit meiner Entscheidung unzufrieden bin, scheue ich mich nicht, das Ganze abzubrechen und etwas Neues anzufangen.“ [...]
Christa Pfafferoth, Die Zeit / Chancen Nr. 26, Juni 2006