Die kleine Dzenana sitzt in grüner Latzhose urtd gelbem Pullover vor einem kleinen Tannenbaum, den Papa im Arm. Beide strahlen übers ganze Gesicht und in die Kamera; bei Dzenana offenbart das Lächeln eine große Zahnlücke. Das Foto von der Siebenjährigen hängt seit gestern im Foyer der Volkshochschule, im Rahmen der Ausstellung "Lebensbilder und Lebenswege".
Neben dem Familienfoto hängt ein aktuelles Porträt der aus Serbien stammenden Essenerin: Aus dem süßen Fratz von damals ist eine hübsche17-Jährige geworden. Zur Ausstellungseröffnung ist Dzenana gestern nach Oberhausen gekommen, um ihre Geschichte zu erzählen. Von der Mutter, die noch in Serbien lebt, und die sie verlassen musste, weil sie in ihrer alten Heimat keine Zukunftsperspektiven hatte. Und von ihrem Vater und dessen zweiter Ehefrau, mit der sie sich gut versteht, in der sie „eine zweite Mama“ gefunden hat.
Insgesamt hängen mehr als 20 Bilder im Bert-Brecht-Haus: 20 Geschichten, 20 Einzelschicksale. Die Ausstellung ist ein Projekt der Unesco-Schule Essen mit der Düsseldorfer Fotografin Anne Koch. Ziel der Arbeit: bedeutsame Stationen der Schüler – mit und ohne Migrationshintergrund – festhalten. Für viele Jugendliche heißt das, Episoden aus einem Leben, das sie so nicht mehr führen können, aus einer Heimat, aus der sie fliehen mussten.
Doppelte Identität
"ln der Konfrontation mit der deutschen Wirklichkeit, in der ihr Leben heute abläuft, werden die Bilder zu authentischen Dokumenten einer doppelten Identität", erklärt Gesa Reisz, die die Ausstellung von Essen an die Oberhausener VHS geholt hat. Die Fachbereichsleiterin für Politik und Gesellschaft hofft auf Nachahmung: Es gäbe auch viele Oberhausener Jugendliche, die dramatische Geschichten von Flucht oder Vertreibung zu erzählen haben, weiß Reisz. Eine ähnliche Ausstellung mit Oberhausenern ist daher ihr erklärtes Ziel.
Die Ausstellung „Lebensbilder und Lebenswege“ ist noch bis zum 7. November im Foyer der Volkshochschule, Bert-Brecht-Haus, Langemarkstraße 19-21, zu sehen. (ng, NRZ, 20.9.2008)