Der Engel der Kulturen

Ein Projekt der Künstler Gregor Merten und Carmen Dietrich

Am 20. Mai 2009 traf der Engel der Kulturen in Essen ein. Essen ist mit dem Ruhrgebiet als Europäische Kulturhauptstadt 2010 Station eines Staffellaufes, der im Herbst 2010 in Istanbul enden soll und die drei Europäischen Kulturhauptstädte des Jahres 2010 (Essen, Pecs und Istanbul) miteinander verbindet.

Der "Engel der Kulturen" ist die nicht materialisierte Mitte eines Rades von 1,50 m Durchmesser, in dem die drei Symbole der drei abrahamitischen Religionen den gemeinsamen Ursprung, aber auch die gemeinsame Verantwortung für ein friedliches Miteinander in unserer Welt bedeutet.

Abrahamitisch heißen sie, weil die Tora, die heilige Schrift des jüdischen Volkes, Abraham als Stammvater des Volkes Israel ausweist. Die Tradition führt die Abstammung von Abraham über den Sohn Isaak, den er mit seiner Frau Sara zeugte, zu Jakob (genannt Israel), dessen 12 Söhne als die 12 Stammväter der Stämme des Volkes Israel genannt werden.

Bevor Abraham aber mit seiner Frau Sara den Sohn Isaak bekam, war Sara lange unfruchtbar und aus dieser Not heraus bat sie ihren Mann, ihre Magd Hagar als "Leihmutter" zu akzeptieren und das Kind, das sie von ihm gebären würde, solle so gelten, als habe Sara es geboren. Dieser Sohn, Abrahams erster, wurde Ismael genannt. Als Sara merkte, dass Abraham Hagar nicht mehr nur wie die Magd seiner Frau behandelte, wurde Sara eifersüchtig und verlangte, dass Hagar fortgeschickt würde. Schweren Herzens beugt sich Abraham dem Wunsche seiner Frau, dann reute es ihn und er holte sie wieder zurück. Als nun Sara aber auch schwanger wurde und Isaak gebar, war Hagars Schicksal beschieden und sie musste mit ihrem Sohn fortziehen in die Wüste, nicht ohne dass Gott Abraham verhieß, dass aus seinem Sohn Ismael auch ein großes Volk hervorgehe. Diese Erzählung lernte Mohammed kennen und seinerseits führte er die arabischen Wüstenstämme auf Ismael als Stammvater zurück, so dass die Traditionen des Judentums und die mit Mohammed neu entstehende Tradition des Islams miteinander über Abraham verknüpft sind. Zudem verstand sich Mohammed als Prophet des Gottes Abrahams in der Reihe der Propheten über Moses bis Jesus, nach dem er, nach muslimisehern Glauben, als letzter Offenbarer Gottes in die Welt gesandt wurde.

Während diese beiden Traditionen von einer genetischen Abstammung von Abraham erzählen, betrachten die Christen sich in geistiger Weise als das neue Volk Gottes als aus dem Glauben an den selben Gott und durch die Berufung zu diesem Gott durch Jesus in ein geistiges Kindschaftsverhältnis zu Abraham gestellt und das Zeichen der geistigen Kindschaft zu Abraham ist "ein gutes Auge, eine bescheidene Seele und ein demütiger Geist" (Sprüche der Väter /Pirqe Aboth).

Alle drei Religionen, die unter anderen vornehmlich aus den religiösen und kulturellen Wurzeln des jüdischen Volkes hervorgegangen sind, treten nach einer Zeit der Feindschaft heute immer stärker in einen Dialog, der gerade in der "Beschwörung" dieser gemeinsamen Wurzeln zu einem neuen gegenseitigen und selbst Verstehen führt, aber damit auch zu einer gemeinsamen Verantwortung für unsere Welt drängt. Diese Gemeinsamkeit inspirierte die Künstler zu dem Rad der Kulturen, aus dem unversehens ein Engel der Kulturen wurde, der Bote Gottes, der uns die Botschaft des Friedens bringt!

Die Gläubigen aller drei Religionen begrüßen sich untereinander mit dem Friedensgruß. Warum nicht auch über die Grenzen der Religionen hinweg?

Shalom chaverim!

Salam alaikum!

Friede sei mit dir!

Der Staffellauf des Rades der Kulturen folgt auf dem Weg nach Istanbul in Essen und in anderen Städten des Reviers der Linie einiger UNESCO-Projekt-Schulen. Nachdem das Rad am 20. Mai Essen erreicht hat - es wurde tatsächlich vom Kölner Dom aus durchs Bergische bis nach Essen gerollt - übernahm unser Schulleiter in Begleitung einiger jüdischer, muslimischer und christlicher Schülerinnen symbolisch das Rad vor der Stadtkirehe am Porscheplatz. Am Montag, dem 29. Juni 2009, fand an unserer Schule in einem kleinen Festakt die Übergabe einer "Intarsie" statt, einer auf ca. 50 cm Durchmesser verkleinerten Kopie des großen Rades, die in unserem Eingangsbereich in den Boden eingelassen wurde. Anschließend wurde dann auf unserem Schulhof unter Mitarbeit einiger Schülerinnen und Schüler eine neue Intarsie ausgebrannt, die quasi als Staffelstab an die nächste Schule mit Schülerinnen und Schülern aller Weltreligionen, der UNESCO-Projekt-Schule in Gelsenkirchen-Ückendorf, weitergegeben wurde.




Unsere Schule steht durch ihren Namen verpflichtet und besonders durch das beispielhafte friedliche Miteinander nicht nur der drei abrahamitischen Religionen, sondern aller Religionen der Welt für diese Vision einer friedlichen Menschenwelt, die in der Tat möglich ist.



Sie ist aber nur möglich, wenn wir einander kennen und schätzen lernen und uns gegenseitig unsere Würde und Achtung zum Geschenk machen. Darin liegt das Geheimnis des Friedens und des Bewusstseins, das wir mit gleicher Berechtigung Bürger dieser Welt sind, unabhängig vom jeweiligen Ort, wo uns das Leben hingestellt hat, unabhängig von der Kultur, die uns geprägt hat und unabhängig von der Religion, zu der wir uns bekennen.


















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